Huma­ne Wirt­schaft, huma­ne Ethik – huma­ne Gene­tik? – Roland Weber

– - – Kri­ti­sche Betrach­tung eines lang­jäh­ri­gen Lesers der HUMANEN WIRTSCHAFT als Grund­la­ge für wei­ter­füh­ren­de Arbei­ten an und in der Zeit­schrift
– - – Die Bei­trä­ge in der HUMANEN WIRTSCHAFT spie­geln m. E. oft nicht die Rea­li­tät wie­der, jeden­falls nicht in dem Umfang, in dem sie Wis­sen über wirt­schaft­li­che Zusam­men­hän­ge schaf­fen müss­ten oder gar Hand­lungs­emp­feh­lun­gen aus­spre­chen könn­ten. Gera­de weil ich oft eine Annä­he­rung an huma­nes Den­ken und das Ana­ly­sie­ren der wirt­schaft­li­chen Abläu­fe und Lebens­be­din­gun­gen und nicht zuletzt Hin­wei­se auf Ände­rungs­er­for­der­nis­se ver­mis­se, mel­de ich mich mit die­sem „un-öko­no­mi­schen“ Bei­trag ein­mal zu Wort. Schon die The­men Geld- und Zins­po­li­tik, wie sie immer wie­der dar­ge­stellt wer­den, dürf­ten nach mei­ner Ein­schät­zung nicht nur mir, son­dern ver­mut­lich auch vie­len ande­ren Lesern am Nerv vor­bei­ge­hen. Wel­cher Leser ver­mag auf­grund die­ser Infor­ma­tio­nen und Dar­stel­lun­gen irgend­et­was irgend­wie tun oder den­ken, was etwas ändern könn­te? Wird aber gar nicht mit der Absicht geschrie­ben, etwas zu ändern, wozu denn dann? Vie­les erscheint nur als „l’art pour l’art“, der Kunst um der Kunst wil­len, Erkennt­nis um der Erkennt­nis wil­len? Ich fra­ge mich des­halb oft, an wen rich­tet der Autor sei­ne Bot­schaft, wel­che Schluss­fol­ge­run­gen zieht er aus sei­nen Erkennt­nis­sen oder The­sen, wer sol­len sei­ne Adres­sa­ten sein und wel­che Erwar­tun­gen oder Hoff­nun­gen ver­bin­det er mit sei­ner Ver­öf­fent­li­chung?
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Nutz­lo­ses Wis­sen?
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Um dies zu kon­kre­ti­sie­ren, möch­te ich exem­pla­risch den Bei­trag „Geor­ges Batail­les Spe­ku­la­tio­nen auf die Öko­no­mie der Ver­schwen­dung“ (HUMANE WIRTSCHAFT 04/2016, S. 28) her­aus­grei­fen. Sicher­lich muss ich zunächst mein Unver­ständ­nis mir selbst anlas­ten, aber danach weiß ich nicht, ob der Rest auf das Kon­to des Theo­re­ti­kers oder auf das des Rezen­sen­ten geht. Durch stän­di­ges Durch­ein­an­der­wer­fen der Begrif­fe und den unter­schied­li­chen Bezug kommt letzt­lich eine Phi­lo­so­phie zustan­de, die wohl bei den wenigs­ten Lesern Ver­ständ­nis oder gar Zustim­mung fin­den dürf­te. Armut ist kei­ne Form des Reich­tums, wie dort intel­lek­tu­ell zusam­men­ge­zim­mert wird, Reich­tum an Boden­schät­zen oder Res­sour­cen heißt nicht auto­ma­tisch Reich­tum für Men­schen, schon gar nicht für alle. Und bestreit­bar ist auch die Aus­sa­ge, das die Öko­no­mie nicht durch Pro­duk­ti­on, Nut­zen, Gewinn­stre­ben und Erwerbs­tä­tig­keit ihren Zweck erfüllt, son­dern durch Ver­schwen­dung, Ver­aus­ga­bung, Opfer und gar Ein­satz des Lebens (S. 29). Die Men­schen müss­ten mehr in Begrif­fen des Luxus den­ken. Die­sen Gedan­ken wider­spre­che ich aufs Schärfs­te. Dies mag als eli­tä­res Phi­lo­so­phie­ren wohl­ge­lit­ten sein, aber mit huma­ner Denk­wei­se oder gar huma­ner Pro­blem­lö­sung hat dies offen­sicht­lich nichts zu tun.
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So füllt sich zumin­dest bei mir ste­tig die rie­si­ge Schub­la­de des nutz­lo­sen Wis­sens. Das nutz­lo­ses­te Wis­sen und das umfas­sends­te Ver­ges­sen ver­dan­ke ich der Öko­no­mie, ihren Wirt­schafts­wei­sen, ihren Wirt­schafts­ka­pi­tä­nen, Finanz­ko­ry­phä­en und Auto­ren. Die­se Wis­sen­schaft­ler und Exper­ten sahen schon mehr­fach bei Arbeits­zeit­ver­kür­zun­gen, Steu­er­erhö­hun­gen (oft nur als nicht noch wei­te­re Absen­kung), Kran­ken­kas­sen­bei­trags­be­tei­li­gun­gen oder vor allem bei jeg­li­cher Lohn­er­hö­hung das Abend­land am Ran­de des Welt­un­ter­gangs. Hier wün­sche ich mir auch ein­mal eine kla­re Posi­tio­nie­rung durch einen Autor in einer Zeit­schrift wie der HUMANEN WIRTSCHAFT. Im Nach­hin­ein erkennt man dann wie­der ein­mal, dass es ihnen allein um das Kochen ihres Süpp­chens ging.
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Oft genug hat sich nichts von dem bewahr­hei­tet, was zuvor in dra­ma­ti­scher Wei­se kri­ti­siert wur­de. Man den­ke nur an den Welt­un­ter­gang, der mit der Ein­füh­rung eines Min­dest­lohns ange­kün­digt wur­de. Die Aus­wir­kun­gen waren nicht nur ver­kraft­bar, sie bestä­tig­ten viel­mehr die gegen­tei­li­ge Auf­fas­sung. Zit­tern mit mir Mil­lio­nen Deut­sche vor dem Bild­schirm, wenn der DAX in sei­nem über­ir­di­schen Auf und Ab mit gera­de­zu lächer­li­chen Sze­na­ri­en aus einem Wirt­schafts­zweig, einem Unter­neh­men oder zu einer Aus­sa­ge eines Poli­ti­kers in Bezug gesetzt wird? Brau­chen wir zur geis­ti­gen oder öko­no­mi­schen Ori­en­tie­rung im öffent­lich-recht­li­chen Fern­se­hen die­se unsäg­li­chen Bör­sen­kom­men­ta­re, bei denen ein Unter­neh­men oder ein Ereig­nis zum all­um­fas­sen­den Kur­ven­fak­tor sti­li­siert wird, oder brau­chen wir die­se durch­lau­fen­den Bör­sen­zah­len in den pri­va­ten Sen­dern? Wel­cher Unter­neh­mer oder Akti­en­an­le­ger rich­tet sich denn nach die­sen auf­wen­dig prä­sen­tier­ten Daten? Oder soll das Gan­ze dem stau­nen­den Publi­kum so nur vor Augen füh­ren, dass es von Wirt­schaft und Ein­flüs­sen eben nichts ver­steht und in Ange­le­gen­hei­ten des Arbeits­mark­tes, der Tarif­ge­stal­tung der Vor­stands­ein­kom­men samt Boni-Zah­lun­gen wei­ter­hin über kein aus­rei­chen­des Wis­sen zur Beur­tei­lung der Finanz- und Wirt­schafts­la­ge ver­fügt? Bin ich jetzt doch der­je­ni­ge, der als Ers­ter ruft „Der Kai­ser ist ja nackt“? Ja, ste­cke ich jetzt als Schrei­ber schon in der Rol­le eines Whist­leb­lo­wers und muss mit Sank­tio­nen rech­nen?
– - – Öko­no­mi­sche Tat­be­stän­de sind auf mensch­li­che Ent­schei­dun­gen zurück­zu­füh­ren
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Mit Inter­es­se und Ver­ständ­nis lese ich dann aber auch ande­re Arti­kel in der HUMANEN WIRTSCHAFT, wie gera­de den eben ange­spro­che­nen über Whist­leb­lo­wer. Auch den Arti­kel über die Kriegs­trei­be­rei („Wenn ein Krieg droht, muss die Zünd­schnur gekappt wer­den“) möch­te ich als beson­ders lesens­wert her­vor­he­ben. Öko­no­men möch­te ich an die­ser Stel­le sagen, dass nicht nur die knap­pen Güter das Wert­vol­le sein müs­sen, son­dern dass auch das Mas­sen­haf­te, wie hier sicher­lich von vie­len Men­schen zu die­sem The­ma genau­so Gedach­te, einen Wert stei­gern kann.
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Öko­no­men schei­nen in ihre Wis­sen­schaft der­art ver­liebt zu sein, dass sie offen­bar stän­dig neue The­men auf­grei­fen – oder erfin­den. Dies wäre gewiss nicht zu ver­wer­fen, wenn sich Zusam­men­hän­ge, Ziel und Absicht klar erken­nen lie­ßen. Für den rein aka­de­mi­schen Bereich und den Bereich der For­schung mag der­ar­ti­ge „Sinn­frei­heit“ durch­aus noch ihren Sinn haben, wenn sich dar­aus ein bes­se­res Welt­ver­ständ­nis ablei­ten lässt. Wel­che Gase sich auf einem Tau­sen­de Licht­jah­re ent­fern­ten Pla­ne­ten nach­wei­sen las­sen, hat so durch­aus auch Anspruch auf eine wis­sen­schaft­li­che Erfor­schung. Wenn man sich dem Huma­nen zuwen­det, soll­te jedoch der Mensch und die Men­schen im Mit­tel­punkt ste­hen. Und da begin­nen m.E. die Unzu­läng­lich­kei­ten, die trotz aller wis­sen­schaft­li­chen oder schrift­stel­le­ri­schen Kom­pe­tenz am eigent­li­chen The­ma vor­bei­ge­hen. Die Öko­no­mie ist viel weni­ger Wis­sen­schaft als sie glaubt, und sie ist vor allem kei­ne Wis­sen­schaft, die sich als Natur­wis­sen­schaft ver­ste­hen soll­te, son­dern als Geis­tes­wis­sen­schaft. Mag sie sich in der Theo­rie natür­lich als Geis­tes­wis­sen­schaft ver­ste­hen, in der Pra­xis, wie sie sich in Arti­keln wie in der HUMANEN WIRTSCHAFT nie­der­schlägt, gibt sie sich mit der Dar­stel­lung ihrer Geset­ze (Zin­sen, Geld­flüs­se, Fle­xi­bi­li­täts­vor­teil als Zins­er­gän­zungs­va­ri­an­te; so in HUMANE WIRTSCHAFT 04/2016, S. 22) oder Bit­co­ins als Zukunfts­wäh­rung (S. 38) selbst­über­schät­zend als eine Art Natur­wis­sen­schaft aus. Man muss auch nur an die Kaf­fee­satz­le­se­rei den­ken, mit der Ent­wick­lungs­pro­gno­sen mit die­ser Denk­wei­se aus­ge­wor­fen wer­den. Man sucht sein wis­sen­schaft­li­ches Heil in pro­gnos­ti­schen bzw. abs­trak­ten Sze­na­ri­en und ver­nach­läs­sigt in höchst erstaun­li­cher Wei­se nahe­zu stets die Ana­ly­se gegen­wär­ti­ger Struk­tu­rie­run­gen und Kau­sa­li­tä­ten. …

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