Geld und (Un)Freiheit – Gero Jenner

Jean-Jac­ques Rous­seau beant­wor­te­te eine Preis­fra­ge der Aka­de­mie von Dijon mit der uner­war­te­ten The­se, die Zivi­li­sa­ti­on bil­de in Wahr­heit den Anfang aller sozia­len Übel. Wenn Fabi­an Scheid­ler in sei­nem Buch „Das Ende der Mega­ma­schi­ne“ die Rol­le des Gel­des beleuch­tet, dann schlägt er in die glei­che Ker­be. Mit der Ein­füh­rung der Geld­wirt­schaft, wel­che dem Staat ein regel­mä­ßi­ges Steu­er­auf­kom­men gewähr­te, hät­te schon die ers­te orga­ni­sier­te Markt­wirt­schaft der Geschich­te, das klas­si­sche Grie­chen­land, den Men­schen die Frei­heit genom­men. Sie sei­en gezwun­gen wor­den, für den Markt zu pro­du­zie­ren, um sich das nöti­ge Geld zu ver­schaf­fen, von dem sie dann den ihnen auf­er­leg­ten Teil an Steu­ern an den Staat abge­ben muss­ten.
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Vol­taires Spott über die Frei­heit der Wil­den
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Rous­seau leb­te in einem Jahr­hun­dert, dem acht­zehn­ten, das sich der gan­zen Mensch­heits­ge­schich­te unend­lich über­le­gen dünk­te und sich selbst als Siè­cle des Lumiè­res (Zeit­al­ter der Auf­klä­rung) ver­stand. Es war nicht das ers­te Mal, dass ein Den­ker der eige­nen Zeit den Feh­de­hand­schuh ent­ge­gen­hält, indem er eine Mei­nung ver­tritt, die der zu sei­ner Zeit vor­herr­schen­den dia­me­tral wider­spricht. Kein Gerin­ge­rer als Vol­taire mach­te dem Gen­fer Phi­lo­so­phen denn auch den spöt­ti­schen Vor­wurf, er wür­de die Mensch­heit wohl am liebs­ten erneut auf allen Vie­ren krie­chen sehen. Den glei­chen Vor­wurf darf man gegen Fabi­an Scheid­ler erhe­ben. Geld ist ein ganz beson­de­rer Stoff, kost­bar, wenn er aus unver­gäng­li­chem Gold besteht, ein bedruck­tes Nichts, wenn man es aus Papier erzeugt. Dass es aber in der Geschich­te mensch­li­cher Zivi­li­sa­ti­on eine zen­tra­le und im Gro­ßen und Gan­zen auch unver­zicht­ba­re Rol­le spiel­te, steht außer Zwei­fel: Erst Geld schweiß­te Gesell­schaf­ten zusam­men, sorg­te dafür, dass nach der neo­li­thi­schen Revo­lu­ti­on mit ihrer Erfin­dung der Land­wirt­schaft der Mensch wei­ter­hin als sozia­les Wesen in gro­ßen Staa­ten zu über­dau­ern ver­moch­te.
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Land­wirt­schaft hät­te die Men­schen ato­mi­sie­ren kön­nen
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Unter Jägern und Samm­lern, wel­che die Erde immer­hin eini­ge Hun­dert­tau­send Jah­re besie­del­ten, wäre Geld ein über­flüs­si­ger Luxus gewe­sen. Der sozia­le Zusam­men­hang wur­de unter ihnen auf gleich ele­men­ta­re Art wie in einem Rudel Löwen gestif­tet, näm­lich durch die gemein­sa­me Jagd, wo jeder sich auf den ande­ren frag­los ver­las­sen muss­te – um des eige­nen Über­le­bens wil­len. Die­ser Zusam­men­halt war aber außer Kraft gesetzt, sobald Bau­ern – jeder für sich – die eige­ne Par­zel­le bewirt­schaf­te­ten. In einer Sub­sis­tenz­wirt­schaft, wie sie über­all auf der Welt ursprüng­lich bestand, hät­te die Ein­zel­fa­mi­lie ihr Dasein theo­re­tisch in völ­li­ger Iso­la­ti­on von allen übri­gen fris­ten kön­nen. Das wäre dann eine Art Frei­heit gewe­sen, deren Preis in geis­ti­ger Ver­küm­me­rung und einer Absa­ge an jeg­li­chen zivi­li­sa­to­ri­schen Fort­schritt bestan­den hät­te: Vol­taire hat­te Recht mit sei­nem Spott über die­se Art von Wil­den-Frei­heit.
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Von Geld, Tausch und Spe­zia­li­sie­rung zur Explo­si­on des kol­lek­ti­ven Wis­sens
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In Wahr­heit hat die Erfin­dung des Gel­des ein­schließ­lich des staat­li­chen Zwangs, zum Wohl des Gan­zen einen Teil des eige­nen Wirt­schafts­er­trags an die Reprä­sen­tan­ten die­ses Gan­zen (des Stam­mes, des Staa­tes etc.) abzu­tre­ten, die mensch­li­che Gesell­schaft aus poten­ti­el­ler Ato­mi­sie­rung erlöst. Nach der Erfin­dung der Land­wirt­schaft war es meh­re­re Jahr­hun­der­te danach die Erfin­dung von Geld, wel­ches den sozia­len Ver­kehr beleb­te und schließ­lich erzwang. Das Geld führ­te zum insti­tu­tio­na­li­sier­ten Tausch belie­bi­ger Güter in belie­bi­gen Men­gen zwi­schen belie­bi­gen Per­so­nen; der Tausch führ­te sei­ner­seits zur Spe­zia­li­sie­rung bei der Her­stel­lung bestimm­ter Güter; die Spe­zia­li­sie­rung aber bil­de­te dann das Fun­da­ment, auf dem der Rie­sen­bau kol­lek­ti­ven Wis­sens und Kön­nens zivi­li­sier­ter Gesell­schaf­ten auf­ge­baut wor­den ist.
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Es ist schon rich­tig: Der ein­zel­ne Mensch in den soge­nann­ten „pri­mi­ti­ven Gesell­schaf­ten“ war nicht sel­ten höher gebil­det als der durch­schnitt­li­che Ange­hö­ri­ge moder­ner Indus­trie­na­tio­nen. Da der Grad der Spe­zia­li­sie­rung in Stam­mes­ge­sell­schaf­ten aber ver­gleichs­wei­se mini­mal war, ver­füg­ten alle Mit­glie­der des­sel­ben Stamms in etwa über die glei­che Bil­dung: Der kol­lek­ti­ve Wis­sens­um­fang der gan­zen Gemein­schaft war nur unwe­sent­lich grö­ßer als das Wis­sen des klügs­ten Men­schen in ihrer Mit­te. Dage­gen ist das kol­lek­ti­ve Wis­sen einer moder­nen Gesell­schaft unend­lich viel grö­ßer als selbst das eines Genies oder eines uomo uni­ver­sa­le (Uni­ver­sal­mensch). Bei­de sind in unse­rer Zeit Unwis­sen­de, denn so gewal­tig ist das Erbe kol­lek­ti­ven Wis­sens inzwi­schen ange­wach­sen, dass jeder ein­zel­ne davon nur einen ver­schwin­den­den Bruch­teil beherrscht. Die­se expo­nen­ti­el­le Stei­ge­rung des Gesamt­wis­sens einer Gesell­schaft wur­de durch das Geld über den Tausch und die dar­auf beru­hen­de Spe­zia­li­sie­rung bewirkt.
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Die Dia­lek­tik des Gel­des
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Damit aber ist auch schon die Dia­lek­tik jenes Fort­schritts ange­spro­chen, den das Geld in Bewe­gung setz­te. Einer­seits hat es den Ein­zel­nen aus der vor­so­zia­len Ein­sam­keit des Sub­stanz­wirt­schaf­tens erlöst – der Tausch band die durch den Han­del ver­bun­de­nen Men­schen in direk­tem Ver­kehr anein­an­der –, ande­rer­seits hat es durch fort­schrei­ten­de Spe­zia­li­sie­rung eine neue Ein­sam­keit und Ato­mi­sie­rung geschaf­fen, und zwar beson­ders in unse­rer Zeit, wo der Tausch sich zuneh­mend ins Inter­net ver­la­gert. Die Tau­schen­den sehen und ken­nen ein­an­der nicht mehr. Geld fließt zwar in brei­ten Strö­men zwi­schen ihnen, es setzt einen gewal­ti­gen Waren­ver­kehr in Bewe­gung, aber die­ser Tausch führt zu kei­nen Begeg­nun­gen, stif­tet kei­ne Bezie­hun­gen. Die voll­kom­men ato­mi­sier­te Gesell­schaft, deren Ent­ste­hung vor der Erfin­dung des Gel­des immer­hin mög­lich gewe­sen wäre, erlebt am Ende durch sei­ne Erfin­dung eine trau­ri­ge Neu­ge­burt in der Ära des Inter­nets. Im Prin­zip kann jeder vom eige­nen Com­pu­ter alle Bedürf­nis­se befrie­di­gen und dabei in völ­li­ger Iso­la­ti­on von sei­nen Mit­men­schen leben. Eine bis ins Extrem getrie­be­ne Spe­zia­li­sie­rung ver­stärkt die­sen Trend: Wir sind in Gesell­schaf­ten zuhau­se, wo der Zyklo­tron-Spe­zia­list, die Super­markt-Ver­käu­fe­rin, der App-Pro­gram­mie­rer, die Bör­sen­mak­le­rin und der Han­dy­fa­bri­kant ein­an­der nichts mehr zu sagen haben, selbst wenn sie die­sel­be Spra­che spre­chen.
Kein Ver­lust, son­dern Gewinn: die unge­heu­re Wen­de,
wel­che das Geld bewirk­te
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Erfin­dun­gen ent­wi­ckeln eine eige­ne Dyna­mik – das gilt in beson­ders hohem Maße auch und gera­de für eine der ein­fluss­reichs­ten: die Erfin­dung des Gel­des. Es dien­te ja nicht nur dem Tausch, son­dern wur­de schon früh als beque­mes Mit­tel zur Wert­auf­be­wah­rung genutzt. Natür­lich wur­de auch schon vor der Ein­füh­rung von Geld gespei­chert und gehor­tet. Zwar nicht bei den jagen­den und sam­meln­den Noma­den, denn Bee­ren und Fleisch, ihr täg­li­ches Nah­rungs­mit­tel, ließ sich damals nicht auf­be­wah­ren, wohl aber das Getrei­de, von dem die sess­haf­ten Bau­ern leb­ten. Die­se muss­ten es sogar kon­ser­vie­ren, da die ein- oder zwei­ma­li­ge Ern­te ja für das gan­ze Jahr rei­chen soll­te. Spei­che­rung lief jedoch stets auf mehr oder weni­ger gro­ße Ver­lus­te hin­aus. Teil­wei­se wur­den die Vor­rä­te von Rat­ten gefres­sen, teil­wei­se gab man sie einem ande­ren zur Auf­be­wah­rung, muss­te des­sen Diens­te dann aber beloh­nen: Anders gesagt: bekam man stets weni­ger zurück als den eige­nen Ein­satz.
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Mit der Ein­füh­rung des Gel­des ereig­ne­te sich dann ein veri­ta­bles Wun­der. Das bis­he­ri­ge Qua­si-Natur­ge­setz unver­meid­li­cher Ver­lus­te wur­de durch ein sozia­les Gesetz abge­löst, das in dem genau­en Gegen­teil bestand, näm­lich einem, wie es schien, unver­meid­li­chen Gewinn. Wer Geld an ande­re zur Auf­be­wah­rung oder wei­te­ren Ver­wen­dung ver­lieh, erwar­te­te nicht nur eine voll­stän­di­ge Rück­zah­lung zum ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Ter­min, son­dern eine zusätz­li­che Beloh­nung. Das war ein Mira­kel, das sich als die fol­gen­schwers­te Aus­wir­kung des Geld­ver­kehrs über­haupt erwei­sen soll­te, weil sie den­je­ni­gen, die bereits viel Geld oder geld­wer­tes Kapi­tal besa­ßen, den unglaub­li­chen Vor­teil ver­schaff­te, die­ses ohne eige­ne Anstren­gung und Leis­tung sozu­sa­gen im Schlaf zu ver­meh­ren. Man über­treibt kei­nes­falls, wenn man im Blick auf die Geschich­te der ver­gan­ge­nen zwei­tau­send Jah­re kon­sta­tiert, dass kei­ne ande­re sozia­le Unge­rech­tig­keit so viel Pro­test bewirk­te – bis hin zu Revo­lu­tio­nen.
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