Fatale Bildungsferne – Pat Christ

Warum es Initiativen wie den Wuppertaler „Lernort“ dringend braucht - Stifte oder Computer? Tafel oder Whiteboard? Lesebuch oder Laptop? Solche derzeit lebhaft diskutierten Fragen sind im Kern für das Thema „Bildung“ nicht relevant. Viel wichtiger ist es, die Frage zu stellen, was unter dem Stichwort „Bildung“ in Schulen, Hochschulen und Akademien passiert. Und ob das überhaupt noch etwas mit „Bildung“ zu tun hat. Die Antwort lautet in weiten Teilen: Nein. Denn „Bildung“ ist nur dann „Bildung“, wenn sie zur Veränderung befähigt. Persönlich. Und gesellschaftlich.

Fakt ist, dass „Bildung“ oder das, was darunter verstanden wird, heute vor allem dazu dient, die Karriereleiter zu bezwingen, beruflich nach oben zu kommen und eine möglichst hohe Position zu erreichen. Studium, Stipendien, Praktika, Auslandsaufenthalte – alles dient, auf individueller Ebene, unter dem verkannten Schlagwort „Bildung“ diesem Ziel. Gesellschaftlich geht es unter dem gleichen Schlagwort um Nachwuchsgewinnung und um Konkurrenzfähigkeit auf dem Globus.

Sicherheit im Urteil zu gewinnen und sich selbst in seiner Einmaligkeit zu entdecken, darum geht es in den offiziellen Bildungssystemen immer weniger. Was traditionellen Bildungsidealen diametral entgegensteht. „Nach Immanuel Kant ist Bildung der Weg zur Erlangung von Mündigkeit, nach Wilhelm von Humboldt ist sie die Voraussetzung zur Entfaltung vollständiger Humanität“, sagt Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, gegenüber unserer Zeitschrift. Bildung sei somit Bedingung für die innere und äußere Freiheit des Menschen: „Sie schafft geistige Selbständigkeit, Urteilsvermögen und Wertebewusstsein.“
Krüger zufolge hilft Bildung den Menschen, seine Talente und Begabungen, Interessen und Fähigkeiten zu entdecken. Und sie befähigt ihn, fest und klar die eigene Meinung auszudrücken. „In der politischen Bildung sind wir dazu verpflichtet, Schülerinnen und Schüler in die Lage zu versetzen, sich ihr eigenes Urteil über Themen bilden zu können. Sie sollen keine vorgefertigten Urteile antizipieren“, betont das Gründungsmitglied der Sozialdemokraten in der DDR.

Die Bundeszentrale für politische Bildung fordert dazu auf, sich in der Zivilgesellschaft zu engagieren und sich aktiv an der Lösung politischer und gesellschaftlicher Themen zu beteiligen. Krüger: „Unsere Print- und Onlineangebote sind auf unterschiedliche Zielgruppen zugeschnitten, um diese möglichst über ‚ihre’ Kommunikationswege zu erreichen.“ Das gilt auch für die einzelnen Landeszentralen. „denkm@l – online gegen gewalt, rechtsextremismus & fremdenfeindlichkeit“ hieß zum Beispiel ein Wettbewerb, zu dem unter anderem die Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung vor über 15 Jahren schon jugendgerecht aufrief.

Massive Bildungsarmut
Wer heute, aus betuchtem Elternhause stammend, an einer Eliteschule ausgebildet wird, ist bildungsmäßig König. Er profitiert von Bildungsprivilegien und vererbten Zukunftschancen. Aber auch Mittelschichtskinder können bildungsmäßig noch ganz gut Karriere machen. Heranwachsende aus prekären Elternhäusern hingegen bleiben abgehängt.

Es sind nun einmal nicht alle Jugendlichen Teil des großen Ganzen. Bildungsarmut und Bildungsbenachteiligung sieht Thomas Krüger denn auch als eines der größten Bildungsdefizite in unserer Gesellschaft an. „Bildungsarmut betrifft auch hier in Deutschland viele Menschen ganz direkt“, betont der studierte Theologe. Zwar habe es in den letzten zehn Jahren viele Reformen und auch manche Verbesserungen gegeben: „Doch was die Chancen für sozial benachteiligte Jugendliche betrifft, sind die Befunde nach wie vor bedrückend.“

Jugendliche mit Migrationshintergrund, die häufig nicht aus einem reichem Elternhaus kommen, seien von Bildungsbenachteiligung besonders stark betroffen: „Sie erreichen immer noch schlechtere Schulabschlüsse als ihre deutschen Altersgenossen, auch wenn sie in den vergangenen Jahren etwas aufgeholt haben.“ Den Jugendlichen würden Lebenschancen verbaut, Talente verkümmerten. Diese gesellschaftlich verursachte Ausgrenzung führe bei den einen zum Rückzug, bei anderen zu Widerstand gegen diese Ungerechtigkeit: „In jedem Fall aber zu kritischer Distanz gegenüber der Gesellschaft und dem politischen System.“

Krise trotz Dauerreform
Was auch immer ganz genau unter „Bildung“ verstanden wird – durch ein zweckbestimmtes Fachstudium und die Zumutungen eines auf acht Regelschuljahre verkürzten Gymnasiums, das politisch mit Blick auf den globalen Wettbewerb geschaffen wurde, ist Bildung im Sinne der humanistischen Bildungsidee nicht zu erlangen. Die Unzufriedenheit mit den etablierten Bildungsinstitutionen ist denn auch hoch. Ein gewaltiger Druck seitens Eltern und Wirtschaft lastet auf den Bildungsverantwortlichen. Die politische Antwort darauf sind Dauerreformen, die bisher wenig gebracht haben. Nach wie vor kriselt es. Und das hat Gründe.

Politische, gesellschaftliche, ökonomische und kulturelle Bildung benötigt vor allem eines, sagt Susanne Hermeling, Referentin für Bildungspolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen, gegenüber der HUMANEN WIRTSCHAFT: „Zeit.“ Denn die Entwicklung von persönlicher, beruflicher und politischer Identität als Bildungsziel ist ein Prozess, der unmöglich unter Zeitdruck gelingen kann. Über Erkenntnisse, Reflexionen und soziales Lernen vermitteln Bildungsprozesse Hermeling zufolge die Fähigkeiten, im privaten Leben, im Beruf und im politischen Raum mitzugestalten.

Bildung unterscheidet sich damit elementar von Informationsvermittlung oder bloßer Unterweisung, etwa am Arbeitsplatz: „Die lediglich auf die Veränderung von Routinetätigkeiten abzielt.“ Auch Trainingsmaßnahmen, welche die Anpassungsbereitschaft erwerbsloser ArbeitnehmerInnen an vorgegebene Strukturen am Arbeitsmarkt fördern sollen, haben für Hermeling nichts mit Bildung zu tun.

Bildung benötigt neben Zeit auch eine echte, konkurrenzlose Gemeinschaft von Menschen, die sich durch den Austausch ihrer Gedanken, ihrer Erkenntnisse und Erfahrungen gegenseitig inspiriert. Und die sich Mut macht, das, was als gegenwärtiges oder zukünftiges Problem erkannt wird, aktiv zu gestalten. Auf individueller Ebene. Auf jener des Berufs. Und vor allem auf jener der Gesellschaft. Genau dies geschieht im Wuppertaler „Lernort“.

Bildung
in prekärer Lebenslage
Doch nicht nur dort wird versucht, das zentrale Bürger- und Bürgerinnenrecht auf Bildung neu mit Leben zu füllen und auf diese Weise politische Partizipation zu ermöglichen. Überall in Deutschland wird neu nachgedacht über Bildung, alternative Bildungswege und sinnvolle Bildungsziele. Die Arbeitnehmerkammer Bremen zum Beispiel setzt sich laut Susanne Hermeling mit ihrer Bildungseinrichtung wisoak für politische Bildung ein: „Da wachsende Gruppen der Bevölkerung, vor allem ArbeitnehmerInnen in prekären Lebenslagen, vom politischen Raum ausgeschlossen sind.“
Durch Angebote wie den Zwei-Jahres-Kurs „Sozialwissenschaftliche Grundbildung“ sollen Menschen Handlungsfähigkeit entwickeln. Ein Ziel, das einer Untersuchung der Universität Bremen zufolge auch tatsächlich erreicht wird. „Viele Teilnehmende entwickeln im Laufe des Kurses für sich ganz neue Formen der politischen Urteilsfähigkeit und des politischen Engagements, die oft auch mit biografischen Veränderungen einhergehen“, bestätigt Hermeling.

Leistung
als fragwürdige Norm
„Bildung zielt auf die Herausbildung von kritischem Urteilsvermögen, von Welterschließungs- und entsprechenden Handlungskompetenzen“, erklärt Dr. Martin Booms, Direktor der Bonner Akademie für Sozialethik und Öffentliche Kultur auf unsere Anfrage. Dieses Ideal sei heute jedoch durch die Idee der „Qualifizierung“ abgelöst worden: „Praxisbezug und Employability wurden zum unhinterfragten Dogma der Bildungspolitik und Bildungswirklichkeit.“ Siehe Bologna-Reform.

Booms sieht im Ergebnis teilweise absurd verkürzte Bildungskonzepte und eine „fatale Bildungsferne“: „Die sich einem reichlich unreflektierten Verständnis von Effizienz und Leistung als Norm untergeordnet hat.“ Seither hänge sogar die Akkreditierung philosophischer Studiengänge davon ab, dass diese die Vermittlung von „Skills“ zur Employability nachweisen können: „Die Philosophie ist aber ganz offenbar keine unmittelbar berufs- und praxisorientierte Wissenschaft.“

Booms stimmt mit Hermeling überein, dass Bildung die Handlungsfähigkeit von Menschen zum Ziel haben muss. „Wirklich handlungsfähig im Sinne der Praxisfähigkeit sind Menschen aber nur, wenn sie über die Kompetenz verfügen, den konstitutiven Rahmen, den wir Realität nennen, zu verstehen und ihn kritisch zu beurteilen.“

Dass nur noch qualifiziert, aber nicht mehr gebildet wird, zeigt dem Dozenten an der Universität Bonn zufolge bereits harsche Konsequenzen: „Unsere Hochschulabgänger sind fachlich hochstehend ausgebildet, aber im Allgemeinen weitgehend orientierungslos. Angehenden Führungskräften in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft fehlt damit eine konstitutive Kernkompetenz, die sich zum Beispiel in der Hilflosigkeit vieler Wirtschaftsführungskräfte im Umgang mit wirtschafts-ethischen Debatten widerspiegelt.“

Bildung macht erfinderisch
Weil es an Bildung mangelt, werden Booms zufolge bestehende Verhältnisse unkritisch als gegeben angenommen: „In wirtschaftlichen Zusammenhängen etwa werden die Kräfte der Globalisierung und des Marktes als naturgegeben angesehen.“ In Politik und Wirtschaft spiegele sich dies im Dogma der „Alternativlosigkeit“ wider. Gestaltungsmöglichkeiten würden nicht mehr erkannt und kompetent in Handlung umgesetzt.

Auch werden die eigentlich naheliegenden Fragen nicht gestellt und, noch schlimmer, gar nicht mehr verstanden, kritisiert Booms, der Wirtschaftsethik und Unternehmensverantwortung an der Universität St. Gallen lehrt: „Wozu wirtschaften wir? Ist diese Wirtschaft noch Mittel zur Verwirklichung einer Vorstellung des guten Lebens? Oder ist das Wirtschaften selbst schon zum Ziel und Selbstzweck geworden? Wie viel Markt wollen wir und an welchen Stellen? Wo ist er segensreich? Und stimmt es überhaupt, dass Profiterzielung eine natürliche Bestimmung von Unternehmen ist?“

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