Ein Klima für Gerechtigkeit – Editorial

Ist es ver­nünf­tig, im Hand­um­dre­hen mit einem leich­ten Coup viel Geld zu ver­die­nen? Umge­kehrt gefragt: Ist es töricht, wenig Geld mit viel Arbeit zu ver­die­nen? In einem Wirt­schafts­sys­tem, in dem eine über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit einig zu sein scheint, sieht man sich genö­tigt, bei­de Fra­gen mit einem kla­ren „Ja!“ zu beant­wor­ten. Die Ant­wort auf ergän­zen­de Fra­ge „Ist das gerecht?“ wird schon schwie­ri­ger. Auf der Ebe­ne der han­deln­den Per­so­nen wer­den es die Vir­tuo­sen die­ses Spiels als gerecht anse­hen. Die Ver­lie­rer füh­len sich benach­tei­ligt. Frucht­ba­rer wird die Suche nach Gerech­tig­keit auf dem Gebiet der Sys­tem­ana­ly­se.

Läuft eine Maschi­ne lan­ge genug, wer­den die Ergeb­nis­se der Maschi­nen­ar­beit zur Gewohn­heit. Man nimmt die Maschi­ne­rie selbst gar nicht mehr wahr. Den auto­ma­ti­schen Ablauf macht man sich blind zu Nut­ze und ver­sucht, das Bes­te für sich her­aus­zu­ho­len. Wenn sich – wie bei der gro­ßen Wirt­schafts­ma­schi­ne der Fall – sozia­le Gegen­sät­ze ver­schär­fen, kommt der Zeit­punkt, an dem man auf die Resul­ta­te schaut. „Wir haben ein Ver­tei­lungs­pro­blem! Lasst uns über eine Rück­ver­tei­lung spre­chen, damit der Gerech­tig­keit Genü­ge getan wird!“ ist aus Krei­sen besorg­ter Exper­ten zu ver­neh­men.

Aus­wir­kun­gen ent­hül­len Unge­rech­tig­keit. Ein Inge­nieur wür­de die Maschi­ne unter­su­chen, wel­che das Uner­wünsch­te pro­du­zier­te. Für Poli­ti­ker ist das ein aus­sichts­lo­ses Unter­fan­gen, mit dem man die nächs­ten Wah­len nicht gewin­nen kann. Für Wahl­er­fol­ge braucht es beherz­te Sym­ptom­be­kämp­fung. Popu­lis­tisch, dabei rasche Ver­bes­se­rung der Lage ver­spre­chend.

Geld ist ein Kon­zept für wirt­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit. Wir haben es geschaf­fen, damit es „sei­ner“ Sache gerecht wird. In unse­rer „Geld­ma­schi­ne“ haben wir vor­ge­se­hen, dass total wider­sprüch­li­che Funk­tio­nen erfüllt wer­den. Geld soll als Tausch­mit­tel die­nen, aber auch belie­big fest­ge­hal­ten wer­den kön­nen, im All­ge­mei­nen „Spa­ren“ genannt. Flie­ßen und Blo­ckie­ren im glei­chen Sys­tem. Eine Meis­ter­leis­tung, wenn es gelän­ge. Die Gel­d­in­ge­nieu­re haben es mit etwas ver­sucht, das man „Inves­tie­ren“ nennt. Erwirt­schaf­te­te Über­schüs­se in Geld­form, die man nicht durch Kon­sum in den Wirt­schafts­kreis­lauf zurück­füh­ren will, kann man gewinn­brin­gend anle­gen und damit wie­der in Fluss brin­gen.

Defi­niert man Inves­ti­ti­on ohne ablen­ken­de Meta­pho­rik („Inves­ti­ti­on in die Zukunft“ und der­glei­chen), dann bedeu­tet es:
Es kommt mehr zurück, als man hin­ein­ge­steckt hat.
Man misst aus­schließ­lich in Geld. Imma­te­ri­el­le Wer­te zäh­len nicht
Die Kau­sa­li­tät. Das mehr an Geld steht in direk­tem Zusam­men­hang mit der getä­tig­ten Inves­ti­ti­on.

Aus­ga­ben, die die­se Kri­te­ri­en nicht erfül­len, nennt man Kon­sum oder Ver­brauch.

Ob Geld, das man in das eige­ne Unter­neh­men steckt oder damit ein Eigen­heim kauft, den Punkt 1. erfüllt, weiß man erst hin­ter­her. Anla­ge­be­ra­ter raten daher zu „siche­ren“ Fonds, Akti­en und Ren­ten­pa­pie­re, denen jener Schlei­er der Unge­wiss­heit nicht anhaf­te. Man ent­le­digt sich dadurch auch gleich der läs­ti­gen Fra­ge, wo denn das „Mehr“ erzeugt wird.

Bei all dem wird deut­lich, wie wir uns im frei­heit­lich geprie­se­nen Geld­sys­tem, Kapi­ta­lis­mus genannt, eine zer­stö­re­ri­sche Schran­ke ein­ge­baut haben. Der Expan­si­ons­drang mensch­li­cher Schaf­fens­kraft wur­de durch ein auf leis­tungs­lo­se Knapp­heits­ge­win­ne aus­ge­rich­te­tes Hin­der­nis ergänzt. Die Krö­nung wirt­schaft­li­chen Erfol­ges erlangt man, wenn es gelingt, mit gerings­tem Auf­wand hohe Gewin­ne zu erzie­len. Das ist unter der Vor­aus­set­zung zu errei­chen, dass der eige­ne Gewinn auf Kos­ten eines ande­ren erzielt wird. Wo sonst soll­te denn das „Mehr“ her­kom­men?

Jeder, der lau­fend höhe­re Ein­nah­men als Aus­ga­ben erwirt­schaf­tet, kann mit dem Über­schuss zum Inves­tor wer­den. Das ist im Kapi­ta­lis­mus abso­lut erstre­bens­wert, was dazu führt, dass man an Geld kom­men will. Hal­ten sich Zu- und Abflüs­se die Waa­ge gelangt man nicht in den Olymp der wun­der­sa­men Quel­le, aus der Zin­sen, Divi­den­den und Grund­ren­ten strö­men. Hat man es aber geschafft, beginnt die nächs­te Stu­fe zu zün­den: Der „Lohn“ für die Über­schüs­se wird erneut inves­tiert. Ein Teu­fels­ka­rus­sell, bei dem im Lau­fe der Zeit eine immer grö­ßer wer­den­de Anzahl her­aus­ge­schleu­dert wird. Ihrer wert­schöp­fen­den Arbeit wer­den die Kapi­tal­ge­win­ne, ver­steckt in den Prei­sen, ent­nom­men. Sie glei­ten ab in pre­kä­re Situa­tio­nen und begin­nen, Unge­rech­tig­keit zu emp­fin­den. Lei­der rich­tet sich der Unmut dann nicht gegen das feh­ler­haf­te Sys­tem, son­dern auf die­je­ni­gen, wel­che das erreicht haben, wonach man selbst streb­te.

Das Kli­ma der leis­tungs­lo­sen Gewin­ne ist vom Kon­kur­renz­kampf geprägt. Wer davon weg­kom­men und den posi­ti­ven Eigen­schaf­ten von Men­schen zum Aus­druck ver­hel­fen will, muss das Sys­tem erneu­ern. Gerech­tes Geld ist das erfolgs­ver­spre­chends­te Kli­ma­pro­gramm. Im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes.

Herz­lich grüßt Ihr Andre­as Ban­ge­mann

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