Die DNA der Wirtschaft – Florian Josef Hoffmann

1. Ein­lei­tung
Der Ren­ner des Jah­res 2014 auf dem Buch­markt war Tho­mas Piketty’s „Das Kapi­tal im 21. Jahr­hun­dert“, in dem er den wis­sen­schaft­li­chen Nach­weis für die wach­sen­de Unge­rech­tig­keit der Ver­tei­lung von Ver­mö­gen und Ein­kom­men anpran­gert. Der Hei­li­ge Vater Papst Fran­zis­kus über­trifft in sei­nem Apos­to­li­schen Schrei­ben „Evan­ge­lii Gau­di­um“ die Kla­ge, indem er sagt, dass „die­se Wirt­schaft tötet“. Und er sagt noch mehr: „Die Aus­bil­dung des wah­ren Lebens­sinns geht mit dem Gefühl der Zuge­hö­rig­keit ein­her, das ein Mensch durch die Akti­vi­tä­ten aus­bil­det, die er tag­täg­lich ver­rich­tet, und durch den Kon­takt mit den gesell­schaft­li­chen Grup­pen, mit denen er das Leben und die Mühen teilt.“ (SV244) Die­se Aus­sa­ge trifft das, was im Fol­gen­den im Detail ana­ly­siert wer­den soll, mit dem Ziel, dem Lebens­sinn wie­der Raum zu geben und das „Töten“ zu been­den.

Die Kern­fra­ge ist doch, wodurch ist die­ser Lebens­sinn, den ein jeder kennt, ver­lo­ren gegan­gen? Die Ant­wort dar­auf ergibt sich aus der Erkennt­nis dar­über, wie unser Wirt­schafts­le­ben struk­tu­riert ist und wel­che Gesetz­mä­ßig­kei­ten gel­ten, die es zu nut­zen oder zu kom­pen­sie­ren gilt. Der Kern der nach­fol­gen­den Aus­ar­bei­tung ist eine neue Trans­pa­renz, ein neu­es Ver­ständ­nis von dem, was sich „Wirt­schaft“ nennt und das so bekla­gens­wer­te Ent­wick­lun­gen her­vor­ruft, dass Ein­grif­fe drin­gendst erfor­der­lich sind.

Aber man kann nur dann erfolg­reich in Din­ge ein­grei­fen, wenn man die Wirk­lich­keit erkennt, sie tat­säch­lich im Detail ver­steht. Die in der Wis­sen­schaft gebräuch­li­chen Begrif­fe wie „die unsicht­ba­re Hand“, „frei­er Wett­be­werb“ oder „freie Markt­wirt­schaft“ hel­fen nicht wei­ter. Sol­che Nebel­be­grif­fe erzeu­gen einen gefähr­li­chen Glau­ben, aber kei­ne Erkennt­nis. Selbst der Begriff der „Sozia­len Markt­wirt­schaft“ ist ein sol­cher Nebel­be­griff, weil ein Markt aus Prin­zip nur sehr bedingt sozi­al sein kann: Auf einem Markt bekommt nur der etwas, der etwas mit­bringt. Wer kein Geld hat, drückt sich die Nase platt am Über­fluss der Aus­la­ge hin­ter der Schei­be. Und wer nur zum Bet­teln ins Geschäft hin­ein geht, der wird ver­jagt.

Der nach­ste­hend ent­wi­ckel­te Ansatz beschreibt die wesent­li­chen Eigen­schaf­ten des­sen, was wir ins­ge­samt als Wirt­schaft bezeich­nen. Er bringt ihre funk­tio­na­len Kom­po­nen­ten in einen sinn­vol­len Zusam­men­hang: zum einen die Gemein­schaf­ten mit ihren sozia­len Aus­prä­gun­gen, und zum ande­ren die Gesell­schaft und ihre Märk­te als funk­tio­na­le Orga­ni­sa­to­ren einer regio­na­len bis glo­ba­len Arbeits­tei­lung. „Sinn­vol­ler Zusam­men­hang“ bedeu­tet, dass am Ende die essen­ti­el­len Fra­gen beant­wor­tet wer­den kön­nen, also die Fra­ge, wes­halb sich was wie ent­wi­ckelt hat und die wei­te­re Fra­ge, wel­che Kom­po­nen­ten unter wel­chen Gesetz­mä­ßig­kei­ten in der Fort­ent­wick­lung die­ser Wirt­schaft zusam­men­wir­ken. Schon aus dem Erken­nen erge­ben sich dann die Lösun­gen.
2. Leben in zwei Sphä­ren
„Wir müs­sen ler­nen, in zwei Wel­ten zu leben,“ for­der­te der Schwei­zer Natio­nal­öko­nom Phil­ipp Aer­ni auf einer Früh­jahrs­ta­gung in Zürich im Jahr 2014 und stell­te die bei­den Begrif­fe unter die gleich­lau­ten­de Über­schrift:

Die Über­sicht ent­hält einen Gedan­ken aus dem 19. Jahr­hun­dert, ent­wi­ckelt vom Sozio­lo­gen Fer­di­nand Tön­nies, der die unter­schied­li­chen Inter­es­sen­sphä­ren Ein­zel­wirt­schaft – Gesamt­wirt­schaft unter den Begrif­fen „Gemein­schaft“ und „Gesell­schaft“ ent­wi­ckelt hat, ver­öf­fent­licht im Jahr 1887 im ers­ten Buch der deut­schen Sozio­lo­gie unter dem Titel „Gemein­schaft und Gesell­schaft“. Was Aer­ni mit sei­nem Satz „Wir müs­sen ler­nen, in zwei Wel­ten zu leben“ aus­drückt, ist die Gleich­zei­tig­keit der bei­den Sphä­ren, des Betrie­bes auf der einen Sei­te und des Mark­tes auf der ande­ren Sei­te, was ent­spre­chend den vor­ste­hen­den Aus­füh­run­gen besagt, dass wir zwei unter­schied­li­chen Arten von Regeln aus­ge­setzt sind, je nach­dem, ob wir uns drin­nen im Betrieb befin­den oder drau­ßen auf dem Markt. Da wir per­ma­nent zwi­schen bei­den Sphä­ren wech­seln, ja sogar gele­gent­lich ohne Mög­lich­keit der Unter­schei­dung sowohl in der einen wie in der ande­ren leben, unter­lie­gen wir im Grun­de gleich­zei­tig unter­schied­li­chen Prin­zi­pi­en und Regeln, wie sie unter­schied­li­cher nicht sein kön­nen. Das ist die Erkennt­nis, wie sie sich aus der nach­ste­hen­den Ana­ly­se ergibt.

Um den gedank­li­chen Ansatz en détail ver­ständ­lich zu machen, vor­ab ein paar Bei­spie­le, die jeder­mann nach­voll­zie­hen kann, weil die Begrif­fe „Gemein­schaft“ und „Gesell­schaft“ im ers­ten Moment wenig aus­sa­ge­kräf­tig zu sein schei­nen und auch Aer­nis Tableau an die­ser Stel­le noch nicht deut­lich genug ist: Denn in der Tat wer­den die bei­den Berei­che unse­res Lebens, in denen wir „ler­nen müs­sen, zu leben“, durch eine ganz kla­re, sehr gut sicht­ba­re Tren­nungs­li­nie zwi­schen drin­nen und drau­ßen, zwi­schen pri­vat und öffent­lich getrennt.

Die Sicht­bar­ma­chung vor dem geis­ti­gen Auge beginnt sehr hand­fest: Die für uns wich­tigs­te Tren­nung ist die Haus­tür oder die Woh­nungs­tür. Drin­nen in der Woh­nung gel­ten ande­re Geset­ze als drau­ßen auf der Stra­ße – auch wirt­schaft­lich. Drin­nen in den Gemein­schaf­ten wird gelebt, geliebt, orga­ni­siert, gewirt­schaf­tet, gehaus­hal­tet und ver­teilt. Drin­nen ist Pri­vat­sphä­re, drau­ßen ist Öffent­lich­keit, drau­ßen auf der Stra­ße trifft man sich, tref­fen Indi­vi­du­en und Gemein­schaf­ten auf­ein­an­der, arran­gie­ren sie sich neben­ein­an­der im Ver­kehr, visie­ren Zie­le an, neh­men Chan­cen wahr, suchen sich Arbeits­plät­ze, Urlaubs­zie­le oder Freun­de, dort wird neben­ein­an­der ein­ge­kauft oder ver­kauft.

Die­sel­be Unter­schei­dung von drin­nen und drau­ßen gilt auch für nicht-kom­mer­zi­el­le Berei­che: Beim Besuch in Behör­den steht man vor der The­ke oder sitzt vor dem Schreib­tisch des Sach­be­ar­bei­ters, dahin­ter, auf der Sei­te des Sach­be­ar­bei­ters befin­det sich der Innen­be­reich der Behör­de. Sie ist für den Besu­cher tabu, so tabu wie die Sakris­tei in einer Kir­che, deren gro­ßer ande­rer Teil, der öffent­lich-kirch­li­che Bereich, wie­der­um für alle offen ist, „die guten Wil­lens sind“. Die Kom­mu­ni­ka­ti­on in der Pri­vat­sphä­re oder Gemein­schaft ist eher „pri­vat“, drau­ßen ist sie eher sach­lich, funk­tio­nal, „schein­hei­lig“ wer­bend.

Schon hier wird offen­sicht­lich, dass es fast über­all in unse­rem täg­li­chen Umfeld sowohl einen öffent­li­chen Bereich gibt, wie auch einen pri­va­ten, und dass wir Men­schen uns völ­lig selbst­ver­ständ­lich in bei­den Sphä­ren mehr oder weni­ger zugleich bewe­gen, bezie­hungs­wei­se von einer Sphä­re zur ande­ren hin und her bewe­gen.

In den ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten haben sich für die bei­den Sphä­ren die Wirt­schaft betref­fend sogar zwei getrenn­te Wis­sens­ge­bie­te ent­wi­ckelt, die Betriebs­wirt­schafts­leh­re und die Volks­wirt­schafts­leh­re, obwohl sie einen gemein­sa­men Unter­su­chungs­ge­gen­stand haben: die Wirt­schaft. Schon der Begrün­der der deut­schen Natio­nal­öko­no­mie, Fried­rich List (1789 – 1846), unter­schied zwi­schen Pri­vat­öko­no­mie und Gesell­schafts­öko­no­mie. Lan­ge davor unter­schie­den die alten Grie­chen zwi­schen Öko­no­mie (oikos = das Haus) und Katal­la­xie (kata­la­ge = tau­schen), d. h. zwi­schen Haus­wirt­schaft und Markt­wirt­schaft.

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