Das Wunder von Mals – Ute Scheub

„Überleben, Zusammenstehen, Neues erfinden“ - Die Südtiroler Gemeinde Mals hat sich in einer Volksabstimmung für eine pestizidfreie Heimat entschieden und ist deshalb auf dem Wege, weltberühmt zu werden. Der Konflikt ist damit aber noch nicht ausgestanden.

Der Wind der Veränderung weht durch Mals. Seit die Gemeinde im Südtiroler Obervinschgau im September 2014 einen demokratischen Volksaufstand wagte und die wohl weltweit erste Volksabstimmung gegen Pestizide abhielt, hagelt es Drohungen und Klagen, Lobeshymnen und Preise. Journalisten aus der ganzen Welt suchen das gallische Dorf an den grünen Ufern der Etsch heim. Sie berichten über das „Wunder von Mals“ und die dort lebenden widerständigen, eigensinnigen Freigeister.

Gespaltene globale Ordnung?
Auch am Anfang dieser Geschichte war der Wind. Der starke „Oberwind“, der von den schneebedeckten Dreitausendern kommend an etwa 300 Tagen im Jahr über die Malser Haide braust und die Pestizide verweht, die auf den intensiven Obstbau gespritzt werden. Seit einiger Zeit schon setzen die Bauern längs der Etsch auf Golden Delicious und andere recht geschmacklose Sorten, die schnelles Geld bringen.

In Reih, Pfahl und Glied marschiert deshalb die monokulturelle Armee der Apfel- und Kirschbäume den Vinschgau hinauf. Eine täglich auf den Hängen über Mals zu besichtigende Landnahme, die Biolandwirten und Andersdenkenden kaum Chancen mehr lässt. Ein Ökobauer musste gar Strafe bezahlen, weil der Wind Giftrückstände auf seinen Kräutern hinterließ. Die deutsche Toxikologin Irene Witte untersuchte 2011 Heuproben aus der Gegend und kam zu dem Schluss, dass sie wegen hoher Pestizidanteile teilweise als „Sondermüll“ entsorgt werden müssten.

Nach diesen Gruseleien brauste ein Wind der Empörung durch die gut 5.000 Menschen umfassende Gemeinde. Besonders durch die Umweltschutzgruppe, die sich um die Wiederinbetriebnahme der Vinschgaubahn kümmerte, durch die Milchbauern, die sich sorgten, dass aus verseuchtem Heu verseuchter Käse entsteht, und durch den Bund Alternativer Anbauer, die um ihre Öko-Ernten fürchten mussten. Auch durch die Bürgerinitiative Adam & Epfl, die nicht einverstanden war mit der abhängig machenden Monokultur. Durch die Unterstützer von Bürgermeister Ulrich Veith, die die Gemeindesatzung 2012 so veränderten, dass fortan Volksabstimmungen möglich wurden. Durch das Promotorenkomitee mit seinem Sprecher, dem Apotheker Johannes Fragner-Unterpertinger, der ein „Manifest zum Schutz der Gesundheit“ veröffentlichte, unterzeichnet von über 50 Ärztinnen und Tierärzten, Zahnärztinnen und Biologen, und seit 2013 in mehreren Anläufen das Plebiszit vorbereitete.

Dem tapferen Apotheker, der einen Händedruck zum Steinerweichen hat und nachts Gedichte und Romane schreibt, blies der Wind daraufhin direkt ins Gesicht. Beschimpfungen und Drohungen erhielt er, sein Garten und das Familiengrab wurden verwüstet, zeitweise benötigte er Polizeischutz. Seine Gegner gaben sich nicht zu erkennen, aber ihm war schon klar, woher der gewaltige Sturm kam: Die mächtige agroindustrielle Lobby hat viel zu verlieren, wenn das Beispiel Mals im Land und international Schule macht.

Aber es gab auch hilfreiche Winde in der Gemeinde, vor allem „Hollawint“. Plötzlich tauchten im Jahr 2013 gleichlautend mahnende Leserbriefe in der Lokalzeitung auf, plötzlich gab es eine Hollawint-Website rund ums Thema Pestizide, plötzlich hingen alle Dörfer voll von Transparenten für eine giftfreie Heimat. Manche wurden abgerissen oder angezündet, sie wurden durch „Wandertransparente“ ersetzt, die wie von selbst von Haus zu Haus wanderten.

„Wer steckt denn da wohl Geheimnisvolles dahinter?“, fragten sich die Malser. Eine Frauengruppe: die Architektin Martina Hellrigl, die Naturfriseuse Beatrice Raas, die Erzieherin Margit Gasser und die Imkerin Pia Oswald. Mütter, die sich Sorgen machten um die Gesundheit ihrer Kinder, aber auch viel Spaß hatten bei ihren gemeinsamen Aktionen. Auf ihren Veranstaltungen brachten sie die verschiedenen, eher männlich geprägten Widerstandsgruppen zusammen. Oder sie präsentierten eine meterlange „Einkaufsliste“ mit Lebensmitteln, die früher im Vinschgau angebaut, aber der Apfelwüste und ihrem Pestwind zum Opfer gefallen waren.

Was motiviert sie? „Wir haben keine Schwalben und keine Lerchen mehr. Sie finden keine Insekten mehr zum Fressen“, trauert die Architektin um verloren gegangene Natur. „Es geht um Lebensqualität: um eine Landschaft, in der wir uns erholen können, ohne in den Urlaub fahren zu müssen“, sagt die Imkerin. Die Leute aus dem Obervinschgau seien „ein bisschen anders“, lacht die Erzieherin. „Lebenslustig“, findet die Friseurin. „Diese Grenzregion zwischen den Ländern und Kulturen war schon immer unruhig und kriegsbedroht“, ergänzt Thea Steiner, Besitzerin des Biohotels Panorama. „Überleben, Zusammenstehen, Neues erfinden“, sei darum die Devise vieler Vinschger geworden.

Neues erfanden aber auch die Pestizidfreunde, um den Wind wieder zu drehen. Im September 2014 hatten sich 75 Prozent der Wählenden für eine ackergiftfreie Gemeinde ausgesprochen, und im Januar 2015 wollte der Bürgermeister diesen Volkswillen in der Kommunalverfassung verankern. Viele Gemeinderäte aber blieben der Sitzung fern, sodass keine Mehrheit zustande kam. Dem Bürgermeister und dem Apotheker flatterten Drohungen und Klagen ins Haus: Sie hätten sich des „Betrugs“ schuldig gemacht, angeblich Gelder verschwendet und das Plebiszit durchgezogen, ohne dazu berechtigt gewesen zu sein. Ein Prozess im fernen Bozen läuft immer noch und kostet sie viel Geld und Nerven.

Aber seit dem 10. Mai 2015 hat der Wind der Veränderung die lokalen Verhältnisse wieder zugunsten der Umweltfreunde gedreht. An jenem Tag fanden Kommunalwahlen statt, und der Bürgermeister und Pestizidgegner Ulrich Veith erhielt mit 72 Prozent der Stimmen eine unerwartet starke Bestätigung seines bürgernahen Kurses. Im Gemeinderat darf er nun auf eine Zweidrittelmehrheit hoffen, wenn es erneut um die Abstimmung gehen wird, ob Mals endlich auf Dauer giftfrei sein darf.

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