Damit es keine Verlierer gibt – Gerald Hüther

Spielen ist nicht Ihr Ding? Und Sie können sich auch nicht vorstellen, dem Ernst des Lebens spielerisch zu begegnen? Prima, dann biete ich Ihnen mit meiner Weimarer Rede die Möglichkeit, Ihre Meinung zu ändern.

Vier Argumente habe ich dazu nach Weimar mitgebracht. Ich bin gespannt, mit welchem es mir am besten gelingt, Sie zu überzeugen.

Erstens
machen Sie mit Ihrem Gehirn, wann und wo auch immer Sie es zum Denken benutzen, nichts anderes als eben in Ihren Gedanken alle nur vorstellbaren Möglichkeiten zur Lösung eines Problems oder zum Erreichen eines Ziels oder zur Realisierung einer Absicht – durchzuspielen. Bevor Sie also Handeln, überlegen Sie erst einmal, wahrscheinlich sogar sehr sorgfältig, wie das, was Sie vorhaben, gehen könnte. Sie tun also zunächst noch nichts – jedenfalls dann, wenn Sie einigermaßen bei Verstand sind. Sondern Sie probieren gedanklich aus, was alles denkbar und dann vielleicht auch umsetzbar ist.

Genau dasselbe haben Sie auch schon als kleines Kind gemacht, wenn Sie damals in Mutters Küche alle möglichen Kochgeräte herausgeräumt und sich gefragt haben, was sich damit machen lässt. Weil Ihre Vorstellungskraft damals noch nicht ganz so gut entwickelt war wie heute, werden Sie das Mögliche nicht nur gedacht, sondern praktisch ausprobiert haben. Wenn Kinder so etwas tun, nennen wir das spielen.

Was Sie also heute, wie alle denkenden Erwachsenen, machen, ist nichts anderes: Gedankenspiele. Herzlich Willkommen in der Welt, in der der Mensch nur dort ganz Mensch ist, wo er spielt. Schwer vorstellbar, dass Sie ein Leben ohne diese Gedankenspiele für erstrebenswert halten. Sie würden dann genau so reagieren wie irgendwelche Computer. Die können, weil sie nicht in Gedanken spielen können, auch immer nur das hervorbringen, was ihnen jemand einprogrammiert hat.

Wir machen weiter:

Zweitens:
Das spielerische Ausprobieren dessen, was alles geht, ist nicht nur die entscheidende Voraussetzung dafür, dass Sie sich selbst als denkendes Wesen erleben können. Es ist auch das, was unseren äffischen Vorfahren den Weg zur Menschwerdung ermöglich hat. Nichts von all dem, was im Verlauf dieses langen Prozesses erreicht worden ist, hätten Menschen erfinden, entdecken, bauen und nutzen können, wenn diese Fähigkeit in ihrem Gehirn nicht von Anfang an als Potenzial angelegt gewesen wäre. Zeugnisse dieses frühen Spielens finden wir noch heute in Höhlenzeichnungen, sie sind in den Mythen unserer Ahnen überliefert. Sogar so etwas Ähnliches wie das, was wir heute Bingo nennen, spielten die Chinesen schon vor 2000 Jahren.

Menschen spielen also, seit es Menschen gibt. Hätten sie das nicht getan, wären sie nie in der Lage gewesen, den gesamten Erdball zu bevölkern und all das zu erfinden und zu entdecken, was uns als Menschen heute so selbstverständlich geworden ist. Ohne die immer neue spielerische Erkundung unserer jeweiligen Möglichkeiten hätten wir Menschen uns gar nicht weiterentwickeln können. Dass wir die Herausforderungen einer sich ständig verändernden Lebenswelt überhaupt meistern, uns an neue Gelegenheiten anpassen, neue Möglichkeiten erschließen konnten – und nicht unterwegs ausgestorben sind – verdanken wir unserer Fähigkeit zu spielen, also spielerisch ausprobieren zu können, was alles geht.

Aber auch das ist noch nicht alles:

Drittens:
Das Spielen haben wir Menschen selbst gar nicht erfunden. Das machen auch schon die Tiere. Nicht alle, aber all jene, die mit einem lernfähigen, nicht durch genetische Programme fest verkabelten Gehirn zur Welt kommen. Krähenvögel, zum Beispiel, oder kleine Kätzchen und Hunde. Je lernfähiger ihr Gehirn ist, desto häufiger und desto intensiver spielen sie. Das Spiel ist also von Anfang an alles andere als eine nutzlose Beschäftigung zum Zeitvertreib. Es ermöglicht schon den Tieren und erst recht uns Menschen das Ausprobieren all dessen, was dem betreffenden Tier- oder Menschenkind möglich ist. Spielerisch finden sie heraus, was sie mit ihrem Körper, den Armen und Beinen, den Händen oder – im Fall der kleinen Kätzchen – mit dem Schwanz alles machen können.

Und später setzt sich dieser spielerische Erkundungsprozess des Möglichen in der Beziehung zu Eltern, Geschwistern und anderen Lebewesen fort. Bis jede und jeder herausgefunden hat, was alles geht und was nicht funktioniert. „Selbstorganisiertes, intrinsisch gesteuertes Lernen“ nennen das die Lernpsychologen und haben inzwischen verstanden, dass diese Art des Lernens entscheidend dafür ist, wie gut sich ein Tier- oder Menschenkind später in der Welt zurechtfindet. Und was ermöglicht dieses Lernen? Das Spiel. Und wann kann ein Kind all das nicht mehr selbst lernen? Wenn es ständig unterrichtet und frühgefördert wird, sodass ihm keine Zeit zum Spielen mehr bleibt.

PDF-Datei: HW_2015_03_S04-06.pdf herunterladen (373KB)

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