Abenteuer der Veränderung – Europa im Jahr 2215 – Editorial

Europa im Jahr 2215:

Wo verlaufen seine Ländergrenzen? Gibt es überhaupt noch Grenzen? Welche Politik herrscht? Wie gestaltet sich das Sozialwesen und wie wird unsere Nachwelt wirtschaften? Wird es noch Kriege geben? Gibt es überhaupt noch Menschen? Niemand kann all das auch nur annähernd vorhersehen. Klar scheint nach heutiger Erkenntnis, dass sich das Klima dramatisch verändert haben wird und die Bedingungen für alle Lebewesen völlig andere sind.

1815, vor 200 Jahren, wurde der Deutsche Bund gegründet. Ein Staatenbund mit 38 Großherzogtümern, Königreichen und Stadtstaaten. Seine Grenzen veränderten sich ständig. Kaum ein Deutscher wusste, wo sich gerade die Schlagbäume befanden. Ein schwäbischer Dorflehrer aus dem Königreich Württemberg namens Gottlieb Biedermaier übte Einfluss auf die Kunst aus. Von vielen Kriegen geplagt, sehnte man sich „nach der guten alten Zeit“, befürwortete eine „konservative Politik“ und begegnete neuartigen politischen Ideen mit Misstrauen. Es war „Biedermaier-Zeit“. Nehmen wir an, wir wären nicht die »Biedermaier« gewesen, sondern die Kräfte der Veränderung. Diejenigen, die die Welt zum Besseren umwandeln wollten. Wäre es vorstellbar, dass wir uns die geostrategische Landkarte, die Gesellschaft oder die politischen Rahmenbedingungen von 2015 hätten vorstellen können? 1815 war das genauso unmöglich, wie es heute für 2215 ist.

Eines ist gewiss: Es wird sich bis in 200 Jahren vieles auf unvorstellbare Weise verändern. Das Leben der Menschen ist auf Gedeih und Verderb mit der Fähigkeit verknüpft, mit Veränderungen umzugehen und sie zu gestalten. Regierungen zu jedweder Zeit, 1815 wie 2015, tun alles in ihrer Macht stehende, damit sich nichts verändert. Das Netz der Interessen von politischer mit materieller Herrschaftsgewalt ist eng geknüpft.

Die Organisation der Wirtschaft, jenem Feld, auf dem Rahmenbedingungen für das Miteinander von Menschen gesetzt werden, erweist sich zunehmend als das mit dem mächtigsten Einfluss auf alle Veränderungen. In der wirtschaftlichen Verfassung finden wir den Ursprung von Kriegen und jenen Klimaveränderungen, die das Leben auf der Erde bedrohen. Begleitet von zwischenmenschlicher Kälte, Existenzkampf und Konkurrenz. Wie können wir es da zulassen, dass eine Politik des Festklammerns an Bestehendem betrieben wird?

Die um Bewahrung bemühten Interessenvertreter machen sich ein System zunutze, das die Schaffung künstlicher Monopole zulässt, mit denen alle in den Dienst weniger gestellt werden können. Das funktioniert, weil die Abhängigkeit vom Geld besteht. Geld, das sich auf wundersame Weise bei den ohnedies schon üppig Begüterten aufstaut und den allermeisten Menschen ständig fehlt.

Ethische Appelle nehmen sich lediglich jene zu Herzen, denen moralische Integrität ein hoher Wert ist. Die Klasse der Superreichen, ausgestattet mit materieller Macht, taucht hingegen in einer Form der Blindheit unter, häufig gepaart mit brutaler Böswilligkeit und starrsinnigem Egoismus. Dass die Menschheit dennoch fortgeschritten ist, mag ein Trost sein. Das Bewusstsein, wonach ihr eigenes Überleben nicht durch Festhalten von Erreichtem, sondern durch das Abenteuer der Veränderung gesichert wird, sei den Reichen zu wünschen.

Wo ist der Mut zu Veränderungen? Die Befreiung aus der Manipulierbarkeit und der Abhängigkeit von wirtschaftlichen wie politischen Interessen ist greifbar, aber bleibt noch ungenutzt. Die vermeintlich freien, unabhängigen Medien werden zunehmend als gleichgeschaltet empfunden, gleichwohl bleiben die Medienschaffenden von ihrer Freiheit überzeugt. Umso hoffnungsvoller stimmt es die nach Veränderung Strebenden, wenn es mächtige und einflussreiche Kräfte gibt, die sich etwas Neues trauen.

Man könnte die unorthodoxen Schritte der EZB hinsichtlich der Maßnahmen zum Euro auch als „von den Märkten“ erzwungen interpretieren, die geschaffenen Fakten bleiben bemerkenswert. Negative Zinsen in der Finanzwelt sind vergleichbar mit der Einführung negativer Zahlen in der Mathematik. Solange es sie nicht gab, waren sie unvorstellbar. Zinsen waren nominal für Anleger zu allen Zeiten positiv.

Zinskritiker gibt es viele. Solche, die den Zins nicht abschaffen, stattdessen seine verheerenden Wirkungen in der Gesellschaft beenden wollen, nur wenige. Die Einfachheit bei der ursprünglich auf Silvio Gesell zurückgehenden Lösung stieß stets auf Widerstand in der wirtschaftswissenschaftlichen Fachwelt. Doch auch dieses Eis scheint gebrochen. Mit einer einfachen Lenkungsmaßnahme ließen sich nicht nur alle negativen Effekte eines ungerechten Verteilungssystems abschaffen. Es böten sich auch ungeahnte Freiräume für kreative Kräfte, denen an innovativer Umsetzung von Ideen für die Zukunft gelegen ist. Bürokratie und Steuergesetze ließen sich endlich vereinfachen, politische Gängelung und Entmündigung zurückfahren. Bestrebungen für den Umweltschutz träfen auf eine vom Wachstumszwang befreite Wirtschaft. Zu schön, um wahr zu sein?

Zinsen unter null kann man nicht mehr ungeschehen machen. Wie eine Reise in die Fremde wird es Dinge in ungewöhnlichen Kombinationen erscheinen lassen. Der Gewinn wird eine Umwandlung sein.

Herzlich grüßt Ihr Andreas Bangemann.

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